Bei Facebook läuft derzeit alles drunter und drüber – an Alltag ist dabei nicht zu denken. Zu gross sind die Wellen der Empörung, welche derzeit auf den Social Media-Giganten herunterbrechen. In einer Serie von Enthüllungen deckten ‹The Guardian›, die ‹New York Times› sowie der britische Nachrichtensender ‹Channel 4 News› den grössten Datendiebstahl bei Facebook auf: Im Auftrag der britischen Politmarketingfirma Cambridge Analytica entwickelte der Psychologe und Datenwissenschaftler Aleksandr Kogan die App ‹thisisyourdigitallife›. Mithilfe seines Unternehmens ‹Global Science Research› (GSR) und seiner App sammelte Kogan die Daten von hunderttausenden von Facebook-Nutzern, welche gegen Bezahlung einen Persönlichkeitstest ausfüllten – dies unter dem Vorwand, die persönlichen Nutzerangaben würden lediglich für Forschungszwecke verwendet. Dass dieses Versprechen nicht eingehalten wurde, ist spätestens seit den Veröffentlichungen von letzter Woche bekannt. Dieser Artikel soll sich jedoch nicht nur um Facebook drehen – sondern beschäftigt sich im Allgemeinen mit der Frage, weshalb wir Unternehmen wie Google, Facebook oder Amazon freiwillig unsere persönlichen Informationen anvertrauen und was ein Skandal daran ändern kann.

War es zu Beginn der Enthüllungen noch eine ganze Flut an medialen Beiträgen, die sich mit dem Datenskandal rund um Facebook und dem Schutz der Privatsphäre beschäftigten, so waren es diese Woche bereits erkennbar weniger. Dies ist einleuchtend, es geschehen schliesslich auf der ganzen Welt laufend neue Ereignisse, welche ebenfalls einen Platz in der medialen Berichterstattung verdient haben und deswegen auch veröffentlicht werden sollten. Doch gerade auch über Themen wie Datenschutz oder der Schutz der digitalen Privatsphäre sollte häufiger gesprochen werden. Einerseits in der Gesellschaft selbst, schliesslich scheint mehrheitlich noch kein starkes Bewusstsein für den Schutz (als auch Wert) persönlicher Daten vorhanden zu sein – inzwischen nutzen in der Schweiz immerhin 88% der Bevölkerung das Internet wöchentlich (Bundesamt für Statistik, 2017). Andererseits wäre auch in der Politik mehr Handeln notwendig. Nach dieser jüngsten Affäre geriet insbesondere politische Werbung ins Visier der Politik, welche Untersuchungen ankündigte: In Grossbritannien ist dies beispielsweise das Information Commissioner’s Office (ICO), welches die Verwendung von Data Analytics für politische Zwecke untersucht – als auch die britische Wahl-Kommission, welche sich für die Rolle von Cambridge Analytica und Facebook im Zusammenhang mit dem ‹Brexit› interessiert. In den USA schlug der demokratische Senator Mark Warner als Reaktion auf die mögliche russische Einflussnahme auf die Präsidentschaftswahlen 2016 den sogenannten «Honest Ads Act» vor, welcher im Online-Bereich die Regulierung von politischer Werbung verlangt (The Guardian, 17.03.2018).

Doch nun zu den möglichen Gründen, weshalb wir unsere Daten freiwillig an Grosskonzerne ausliefern: Mit der Verbreitung des Internets und dem Aufkommen von sozialen Netzwerken wie Facebook, YouTube oder LinkedIn, Online-Dienstleistungen wie Google Maps oder deren Suchmaschine entstand eine Art ‹Digital Deal›. Ein kurzes Beispiel: Wollte man früher mit dem Auto von Zürich nach Kopenhagen fahren und kannte die schnellste Route dorthin nicht, konnte man sich eine Karte (und etwas später auch ein Navigationsgerät) kaufen, um sicher ans Ziel zu gelangen. Für beides musste man unmittelbar mit Geld bezahlen. Als Google im Jahr 2005 erstmals den Online-Kartendienst Google Maps auf den Markt brachte, kam eine vielversprechende Wahloption hinzu: Der Online-Kartendienst lässt sich weltweit bequem vom Smartphone, Tablet oder Computer aus bedienen, präsentiert dem Nutzer in kürzester Zeit die beste Route – und er kostet nichts. Die meisten von Ihnen werden sich vermutlich darüber im Klaren sein, dass wir für diese Dienstleistung dennoch bezahlen. Zwar nicht mit Geld, aber mit Daten. Und dennoch nutzen die meisten von uns – mich eingeschlossen – nach wie vor Dienste wie Google Maps, YouTube oder Instagram.

Den Grund dafür sehe ich im ‹Digital Deal›, genauer im wahrgenommenen Verhältnis von Kosten und Nutzen. Erstens ist die Beziehung zwischen Plattform-Anbieter und Nutzer geprägt durch ein Geben (Information) und Nehmen (Mehrwert): Für den Einzelnen mag es kein Problem sein, den Anbietern gewisse Informationen über persönliche Konsum-Präferenzen, Urlaubsziele oder den Freundeskreis herauszurücken, schliesslich bekommt man dafür auch einen Mehrwert. Zudem scheint die Bezahlung mit Informationen ohnehin angenehmer zu sein, als den zuvor hart erarbeiteten Lohn dafür auszugeben. Zweitens kommt hinzu, dass man sich über die Jahre an die Nutzung von Facebook, Google & Co. gewöhnt hat und diese wiederum keinen Aufwand scheuen, um das Nutzererlebnis (und somit die Nutzungszeit) laufend zu verbessern. Und zum Schluss spielen natürlich auch Netzwerkeffekte eine entscheidende Rolle, weshalb wir WhatsApp nur ungern löschen oder Facebook den Rücken kehren: Je mehr Nutzer auf einer Plattform angemeldet sind, desto grösser ist der Nutzen für den einzelnen Teilnehmer: Je mehr meiner Freunde auf Facebook angemeldet sind, desto mehr lohnt es sich für mich; Je mehr Personen auf tripadvisor Bewertungen abgeben, desto aussagekräftiger sind die dort verfügbaren Informationen, etc.

Auch wenn die Informationen über mich als einzelne Person nicht viel Wert für ein Unternehmen haben, so sieht dies bei einer Aggregation – d.h. dem Zusammenfassen aller Nutzerinformationen – ganz anders aus (Stichwort ‹Big Data›). Da für den Nutzer selbst durch die Aggregation der Informationen kein Schaden entsteht, scheint dies auch niemandem wehzutun. Mittlerweile sind wir jedoch an einem Punkt angelangt, an welchem nahezu jede Website im Internet Informationen über uns sammelt und diese (mit oder ohne unserem Einverständnis) möglicherweise auch weitergibt. Als einzelner Nutzer hat man mit hoher Wahrscheinlichkeit schon lange den Überblick darüber verloren, welche Anbieter welche Informationen über uns gesammelt haben und ob diese weitergegeben wurden oder nicht.

Natürlich kann man nun sagen, es ist mir egal, wenn einige Unternehmen Informationen über mich besitzen. Dies mag so vielleicht stimmen. Problematisch wird es jedoch dann, wenn Unternehmen über so viele Daten verfügen, dass damit beispielsweise Wahlen manipuliert oder ausführliche Bürger-Profile erstellt werden können. So lag beispielsweise der Suchmaschinen-Marktanteil von Google in Europa im Jahr 2017 bei rund 92% (Lunapark, 2017). Dies bedeutet, dass 9 von 10 Suchanfragen in Europa über Google laufen. Glaubt man den Schätzungen des Statistik-Portals Statista, beläuft sich die Anzahl Internetnutzer in Europa auf rund 700 Millionen Nutzer. Geht man (etwas vorsichtiger gesehen) davon aus, dass lediglich 7 von 10 europäischen Internetnutzern die Suchmaschine regelmässig verwenden, so hat Google regelmässig Einsicht in die Suchanfragen von rund 490 Millionen Europäern. Ebenso verfügt Facebook gemäss eigenen Angaben weltweit über 1,4 Milliarden tägliche Nutzer (DAU) und somit Einblick in deren virtuelles Verhalten. Über Whatsapp, welches ebenfalls zu Facebook gehört, werden täglich rund 60 Milliarden Nachrichten versendet. Diese Flut an Information ist grösser als jede Empörungs-Welle bei einem weiteren Skandal.

Während früher, meist mit Bezug auf Orwell, hauptsächlich auf die Gefahr staatlicher Überwachung hingewiesen wurde, so wissen wir mittlerweile, dass auch kommerzielle Überwachung eine Gefahr darstellt. Welche Gefahr dabei als verherender wahrgenommen wird, lässt sich aus meiner Sicht nicht beantworten. Auch wenn die Politik im Bereich des Datenschutzes immer wieder Taten ankündigt, so handelt es sich vermutlich noch um einen langen Weg – den es jedoch unbedingt einzuschlagen gilt.

Ich persönlich habe zumindest die starke Hoffnung, dass durch den Facebook-Skandal bei vielen Menschen das Bewusstsein über den Schutz (als auch den Wert) persönlicher Daten gestärkt wurde und sie sich als Leser in Zukunft bewusst nochmals den ‹Digital Deal› (Information vs. Mehrwert) vor Augen führen, bevor sie sich auf einer weiteren Plattform anmelden.

(pk)